Journalismus oder Propaganda?

Man kann Obama nicht mögen. Man kann ihn kritisieren. Man muss und sollte es sogar. Denn nicht alles, was der Hoffnungsträger Obama vor knapp vier Jahren seinen Anhängern und dem Land als „Change“ versprochen hat, hat sich wirklich verändert. Es gibt Gründe, warum der Präsident keine zweite Amtszeit verdient hat, genauso wie es Argumente gibt, warum Mitt Romney und die Republikaner nicht wirklich eine Alternative sind.

Man kann über Obama, über dessen Politik, dessen Erfolge und Misserfolge streiten. Nächtelang. Doch was die politischen Kampfhunde von „Fox and Friends“ in einem vier Minuten „taking a look back“ Video in ihrer TV-Sendung gezeigt haben, hat damit nichts zu tun. Jeder Anti-Obama-Clip der Republikaner ist objektiver.

„Propaganda wie aus den 30er Jahren“, schimpft der liberale Kommentator der Baltimore Sun. Doch selbst Konservative wie der bekannte Blogger Ed Morrisey sind entsetzt: „News-Organisationen sollten so etwas nicht senden“.

Fox News (Motto: „Fair and Balanced“) hat sich mit diesem Clip mal wieder als subjektives Sprachrohr der Obama-Hasser geoutet. Mit Journalismus hat das nichts mehr zu tun.

Wie war doch noch das Fazit der jüngsten Medien-Studie der Fairleigh Dickenson University? Wer nur Fox News guckt, ist schlechter informiert als der, der gar keine Nachrichten schaut.

Diese Trump(f)-Karte ist eine Niete

Nun also auch die Republikaner und Mitt Romney. Lange musste ich darauf warten, jetzt habe ich endlich eine Einladung zum Essen, nicht nur eine schnöde Aufforderung, dem Kandidaten endlich eine Spende zu überweisen. Nein, diesmal ist Dinner angesagt. In Las Vegas. Klingt toll!

Nur wer lädt mich da ein? Ein Hollywood-Star? So wie George Clooney oder Sarah Jessica Parker bei Obama? Eher nicht. Nein, bei Mitt Romney ist es eine Nummer kleiner. Dafür aber umso lauter. Es ist Donald Trump, dessen erster, zweiter, dritter und vermutlich auch vierter Gedanke darum kreist, was es IHM bringt.

Drei Dollar will er haben. Das kenne ich doch von SJP schon. Und von Clooney (http://michaelremke.com/2012/05/21/sarah-jessica-parker-ladt-mich-ein). Dafür kann ich einen Platz am Essenstisch mit Donald Trump gewinnen. Mein Flugticket nach Las Vegas übernimmt er auch, in einem „Trump Vehicle“. Auch für die Übernachtung ist gesorgt, im „Trump International Hotel & Tower New York“. Und in den „Boardroom“ seiner Reality-Show „Apprentice“ darf ich auch.

Trump, Trump, Trump – der Mann ist mit einem Ego ausgestattet, das für die komplette deutsche Fußball-Nationalmannschaft reichen dürfte. Essen gibt es übrigens auch mit „The Donald“. Und ach ja, Mitt Romney ist auch dabei, heißt es auf der Plakateinladung. Hätte ich ja fast vergessen. Wer die Einladung liest, kann „& Mitt“ unten links schon schnell übersehen.

Nur was verspricht sich Mitt Romney, auf dessen Seite die Einladung steht, von „The Donald“. Mehr Geld? Mehr Wählerstimmen gar? Oder einfach nur mehr Presse? Ganz klar ist das nicht. Immerhin rückt sich der Kandidat in eine Reihe mit denen, die immer noch glauben, Obama sei in Kenia geboren. Donald Trump ist ein großer Anhänger der „Birther“ und deren absurder Verschwörungstheorie.

Also, was nun? Die Unabhängigen kann Romney mit Trump nicht gewinnen. Und die New Yorker? Da hilft auch kein lokaler Marktschreier wie Trump. Der Bundesstaat ist tief demokratisch. Bleiben die „Obama-ist-kein-Amerikaner“ Anhänger? Klar, aber, die wählen Obama ohnehin nicht.

Viel Sinn macht das Trump-Essen für Romney also nicht. Im Gegenteil. Die Trump(f)-Karte ist eine echte Niete. Und ich spare mir den drei Dollar Lotterie-Einsatz.

„Romney ist eine echte Peinlichkeit“

Nein, er mag ihn wirklich nicht. Bruce Willis, Hollywood-Star und einer der wenigen Nicht-Demokraten in der Glitzermetropole, kann Mitt Romney nicht ausstehen. Dabei ist der Republikaner eigentlich sein Kandidat.

In einem lesenswerten Interview (nicht nur wegen Romney) mit dem Esquire schimpft der “Die Hard” Star über den Kandidaten der Republikaner. Und so schlimm und deutlich, dass man das Gefühl haben konnte, Willis musste das endlich einmal los werden.

“Yeah, Romney”, fängt Willis, ein Republikaner, eher nachdenklich an, als ihn der Esquire auf den konservativen, auf seinen Kandidaten anspricht. Doch nach einem kurzen Zögern bricht es aus ihm heraus : “Er ist eine solche Enttäuschung, eine solche Peinlichkeit. Das Kinn hoch, die Haare hoch.”

Wow!

Schweres Geschütz von einem, der aus seinen konservativen Überzeugungen bisher keinen Hehl gemacht hat. Willis war ein “die-hard” Anhänger von George H. W. Bush im Wahlkampf gegen Bill Clinton. Und auch bei dessen Sohn George W. Bush, den viele für eine Peinlichkeit hielten, war er ganz auf der Seite des Republikaners.

Und jetzt? Was ist passiert?  Es scheint Willis noch nicht einmal zu interessieren, ob Romney im Herbst gewinnen kann/wird. Eher gelangweilt antwortet er auf die Frage nach den Siegchancen: “Nein, nö. Ach was, eigentlich ist es mir egal.”

Wenn noch nicht einmal ein konservativer Hollywood-Star, und davon gibt es wirklich nicht viele, mit Romney was anfangen kann, hat der Kandidat ein Problem. Oder ist es gar ein Hinweis auf die eigentliche Stimmung unter den Republikanern?

Wie sagte doch mein stramm konservativer Nachbar, ein Ex-Marine aus Kansas, neulich zu mir. “Mike, lieber lebe ich zähneknirschend noch vier Jahre mit Obama als möglicherweise acht lange Jahre mit Romney.”

Wenn mein Nachbar da nicht die Stimmung vieler Republikaner auf den Punkt gebracht hat!

Das ganze Interview hier: http://www.esquire.com/features/bruce-willis-interview-0612-3#ixzz1vvt1T4hk

„Der 1-Milliarde-Dollar Mann“

Man stelle sich einmal vor, Angela Merkel hätte für ihre Wahlkämpfe eine Milliarde Dollar oder in ihrem Fall umgerechnet etwa 666 Millionen Euro eingesammelt und für ihre Wahl zur Bundeskanzlerin auch ausgegeben. Das Geschrei in Deutschland wäre groß und der Vorwurf der Verschwendung vermutlich noch einer der nettesten.

In den USA ist das anders. Ganz anders.

Hier hat Barack Obama laut einer Analyse des Center for Responsive Politics in seiner politischen Karriere tatsächlich schon mehr als eine Milliarde Dollar an Spenden eingesammelt und natürlich auch fast alles davon eingesetzt. Dabei ist der Politiker Obama noch gar nicht so lange im Geschäft.

Die Statistik des Centers rechnet erst seit seiner Kandidatur für den Senat im Jahr 2004. (Merkel wurde 2005 zum ersten Mal zur Bundeskanzlerin gewählt, die Zahlen sind also ungefähr vergleichbar). In den vergangenen knapp acht Jahren hat Obama genau 1,017.892.305 Milliarden Dollar gesammelt und in seinen politischen Aufstieg investiert. Kein Politiker hat die eine Milliarde Dollar Grenze bisher auch nur annähernd erreicht. Für den diesjährigen Präsidentschafts-Wahlkampf sind es bereits 217 Millionen Dollar. Zum Vergleich: Konkurrent Mitt Romney schaffte erst bescheidene 100 Millionen.

Und Obama hat noch lange nicht sein Konto-Limit erreicht. Nicht nur Sarah Jessica Parker wird im kommenden Monat (14. Juni) bei einem Dinner Spenden für ihren Kandidaten sammeln gehen (http://michaelremke.com/2012/05/21/sarah-jessica-parker-ladt-mich-ein), sondern zuvor auch Ex-Präsident Bill Clinton (4. Juni). Am Ende werden es mehr als 300 Millionen Dollar sein, die Obama im teuersten Wahlkampf aller Zeiten in der Kasse haben und verprassen wird. Wahnsinn!

„Der 1-Milliarde-Dollar Mann“ – in den USA ist dieser Titel ein Kompliment.

Verschwendung ist es dennoch!

Sarah Jessica Parker lädt MICH ein!

Ich muss sehr beliebt sein. Mich laden zurzeit Menschen zum Essen ein, die ich persönlich gar nicht kenne und bisher nur von weitem gesehen haben. Wenn überhaupt. Erst war es George Clooney, der mich nach Los Angeles in seinem Haus empfangen wollte. Stacy Keibler, seine Wrestler-Freundin sei auch da und den Flug von New York nach Los Angeles wollte er mir auch spendieren, schrieb mir der Oscargewinner. Das klang schon ziemlich verlockend.

Dann fand ich eine E-Mail von Ricky Martin auf meinem BlackBerry. Nicht ganz so einladend. Es gab kein Essen. Doch auch er wollte mich treffen. Und am Wochenende textete mir dann Sarah Jessica Parker. Ja, richtig gehört, DIE Carrie Bradshaw aus “Sex in the City”.

“Michael”, schreibt SJP. “Es ist mir eine Ehre, dich zu einem Essen einzuladen, das ich in meinem Haus geben werde.” Wie? Wirklich? Wow! Mich?!

Essen mit Sarah Jessica Parker in ihrem Haus im New Yorker Greenwich Village. Ist ihr Mann Matthew Broderick auch da? Das schreibt sie nicht, aber verspricht hoch und heilig: “Es wird bestimmt ganz fabelhaft.”

Ganz so intim scheint das Dinner allerdings nicht zu werden. Auch Präsident Obama und First Lady Michelle werden kommen, verrät sie mir. Na ja, mit denen kann ich leben. Das sind ja nicht die schlechtesten Tischnachbarn. Ich bin wirklich beliebt. Oder? Wer bekommt schon solche Einladungen?

Aber was sollen die 50 anderen Menschen noch, von denen „Carrie“ spricht und die, wie ich mittlerweile weiß, 40.000 Dollar zahlen, um dabei zu sein. Für so viel Geld gehen in New York viele Menschen monatelang Essen.  Zugegeben nicht mit SJP und den Obamas.

Doch ganz so selbstlos ist die Einladung von SJP und all den anderen Stars aus Hollywood dann doch nicht. Am Ende der Email kommt es nämlich: “Drei Dollar” müsste ich für den Wiederwahlfonds von Obama spenden. Mindestens. Dafür bekomme ich ein Dinner-Lotterie-Ticket. Und damit kann ich dann wirklich eine Essenseinladung mit SJP gewinnen. Theoretisch versteht sich. Und nicht nur das, zwei Tickets für ein Mariah Carey Konzert bekomme ich noch dazu. Als Dessert sozusagen. Für NUR drei Dollar?

Bei George Clooney war das System genauso. Mit drei „Washingtons“ wäre ich auch hier bei der Lotterie dabei gewesen. Am Ende waren es 15 Millionen Dollar, die Clooney mit seinem Dinner in seinem Haus auf das Wiederwahl-Konto von Obama einzahlen konnte. Ein Rekord! Die Stars aus Hollywood lieben Obama und mögen Mitt Romney nicht.

Also, soll ich für Obama spenden und hoffen beim Essen dabei zu sein? Da fällt mir auf: Ich habe bisher noch nie von einem Menschen gehört oder gelesen, der tatsächlich einen Platz am Tisch gewonnen hat. Wie hieß eigentlich der Glückliche bei George Clooney? Warum erfahre ich darüber nichts? Das muss doch ein Leben veränderndes Erlebnis sein, das man gerne erzählt. Mit Obama, Michelle und 50 Reichen, die mal eben 40.000 locker machen, um dem Präsidenten mit Frau beim Essen und vielleicht beim Kleckern zuzusehen. Also, ich würde davon groß erzählen, nicht nur in diesem Blog. Mmh?!

PS: Bei den Republikaner scheine ich übrigens nicht so beliebt zu sein. Die haben mich noch nie zu einem Essen eingeladen. Mitt Romney mag offenbar keine Gemütlichkeit, dafür aber mein Geld. Danach fragt er mich – gefühlt – mindestens einmal die Woche.

„Vampir-Kapitalist“ – Obama startet erste Schmutzkampagne gegen Romney

Lange musste der Wähler nicht warten. Knapp sechs Monate vor den Präsidentschaftswahlen im November hat der Kampf ums White House eine erste große Schmutzkampagne. Überraschend ist dabei nur, wer sie ausgelöst hat. Es ist Präsident Barack Obama.

In einem zwei Minuten Werbeclip, der in den vier Swing-States Iowa, Virginia, Ohio, Colorado sowie Pennsylvania ausgestrahlt wird, greift Amtsinhaber Obama seinen Herausforderer Mitt Romney mit einem Schlag unter der Gürtellinie an. Angriffspunkt ist Romneys Zeit als Venture-Kapitalist bei seiner Investmentfirma Bain Capital. Die Risiko-Gesellschaft hatte den Republikaner um mehrere Hundert Millionen Dollar reicher gemacht.

In dem Spot stellen ehemalige Arbeiter der Stahlkonzerns GST Steel aus Kansas City Romney als skrupellosen Kapitalisten dar, der nur an seinen eigenen Profit denke und nicht an seine Angestellten. Sie machen ihn persönlich verantwortlich für die Pleite von GST Steel im Jahr 2001, der 750 Arbeitsplätze zum Opfer fielen. Romney hatte sich mit Bain Capital 1993 an dem Unternehmen beteiligt. Zum Zeitpunkt der Pleite war er allerdings nicht mehr CEO der Gesellschaft.

Und damit der Vorwurf des „kleinen Mannes“ noch mehr Nachdruck bekommt, verweisen die Wahlkampfstrategen von Obama gleich auf eine eigene Webseite (The Romney Model), die Romney die böse Fratze des Kapitalisten aufsetzt und ihn als rücksichtlosen Unternehmer darstellen soll. Auf der Webseite dürfen die GST Arbeiter volle sechs Minuten über Romney schimpfen. Detalliert erklärt wird auch das „Romney-Model“, das nur den Profit interessiert aber weniger die Menschen, die hinter den Firmen stehen. Romney als skrupelloser „Vampir-Kapitalist“.

Schon einmal wurde der Obama Herausforderer, der seinen Wahlkampf ganz auf seine Bilanz als Unternehmer in der Privatwirtschaft („ich weiß wie man Jobs schafft“) aufbaut, wegen seiner Arbeit als Bain Capital Chef angegriffen. Gouverneur Rick Perry beschimpfte Romney während der Vorwahlen deshalb als „Geier-Kapitalisten“. Und Konkurrent Newt Gingrich diffamierte seinen republikanischen Gegner in einem bösen 28-Minuten Video als „King of Bain“ und als „Aasfresser“.

Damals hatten die Vorwürfe Erfolg. Romney, konfrontiert von Gingrich mit dem Vorwürfen des bösen Kapitalisten, stammelte sich bei der TV-Debatte einen ab und verlor daraufhin deutlich die Vorwahlen in South Carolina.

Obama, der den Anti-Romney-Werbeclip im Abspann ausdrücklich unterstützt („I approved this message“) hat seine erste Schmutzkampagne gestartet. Nur wer mit Dreck wirft, sollte sich nicht wundern, wenn er wieder zurückfliegt. Die Antwort der Republikaner wird nicht lange auf sich warten lassen. Beschweren über eine Schmutzkampagne der Republikaner darf sich Obama dann nicht.

Skandal? Mutter stillt Jungen!

Da bin ich ein paar Tage nicht in New York und finde nach meiner Rückkehr das auf meinem Schreibtisch: Eine Frau, eine nackte Brust und ein fast vier Jahre alter Junge, der von seiner Mutter gestillt wird. Und das auf dem Titel des Time Magazine. In den USA ist das ein Skandal.

Foto: M. Remke

Aber worüber regen sich die Leute eigentlich auf. Über die Nacktheit? Sicherlich! Leser bezeichnen das Bild als „pornografisch“ Oder ist es das Stillen in der Öffentlichkeit? Ganz bestimmt! In den USA gibt es seit Monaten eine Diskussion darüber, dass Mütter ihre Babys in der Öffentlichkeit nicht stillen sollten/dürfen. Ernsthaft! Oder ist der Grund, dass ein fast Vierjähriger noch immer Muttermilch bekommt? Darüber empören sich die Leser eher weniger. In den USA scheint das nicht so ungewöhnlich, sagen mir zumindest Mütter in einer nicht repräsentativen Umfrage.

Also worum geht es hier eigentlich? Die Frau auf dem Time-Titel (das Heft wurde mit Rekordauflage verkauft) ist Jamie Lynne Grumet (26). Ihr Sohn heißt Aram, er wird im kommenden Monat vier. Sie hat noch einen Adoptivsohn namens Samuel. Er ist fünf und bekommt wieder die Brust, seitdem sie ihren Sohn stillt.

Die Familie wohnt in Los Angeles. Grumet ist Anhängerin des Kinderarztes Dr. Bill Sears (72). Er ist für viele Eltern, die glauben, ihre Babys länger stillen zu müssen, der neue Guru. Seine These: „Kinder, die lange die Brust bekommen, sind gesünder und haben auch mehr Selbstbewusstsein.“

Ach ja, und dann gab es noch die Frage auf dem Titel „Mom Enough“. Doch ob frau ihrer Mutterpflichten genüge tut darüber diskutierten die empörten Leser leider weniger. Schade eigentlich.

Die Aktennotiz Osama bin Laden

Ein handgeschriebener Zettel von CIA-Chef Leo Panetta besiegelte genau vor einem Jahr das Schicksal von Osama bin Laden. Wirklich? Ein bisschen Geheimnis hätte man sich schon gewünscht. Immerhin geht es um eine Notiz vom CIA, vom GEHEIMDIENST! Aber einfach nur ein schnödes Blatt Papier.

In Hollywoodfilmen und in den Spionagethrillern ist das doch alles ganz anders. Da müssen die Geheimagenten ihre Anweisungen ganz schnell lesen, weil sich das Papier nach einer Minute – puff – in Rauch auflöst. Oder zumindest die Tinte, mit der die Befehle aufgeschrieben wurden, ist nicht ohne Spezialbrille sichtbar und verschwindet nach dem Lesen auf geheimnisvolle Weise.

Ein bisschen “Mission Impossible” oder John Le Carreé hätte man sich schon gewünscht. Wenigstens eine Notiz in einer Geheimsprache, verschlüsselt und nur für ausgewählte Experten lesbar. So wie bei Robert Harris’ Buch Enigma?

Aber nein, beim CIA scheint man kein Gespür für die Geheimagenten-Fans zu haben. Selbst der oberste Chef Panetta schreibt auf normalen Papier, mit normalen Kugelschreiber und sogar auf einem Blatt mit Briefkopf “The Director Central Intelligence Agency”. Selbst die Adresse darf nicht fehlen: Washington, D.C. 20505. Was ist am CIA eigentlich noch geheim?

Panetta schreibt auch auf beiden Seiten. Will er Papier sparen? In so einer Situation! Ein Umweltschützer als CIA-Chef? Für jeden Fan von Spionage-Thrillern ist die Notiz eine echte Enttäuschung. Für Historiker dagegen ein Dokument.Ein Jahr nach dem Angriff auf das Versteck von Osama bin Laden in Abbottabad in Pakistan hat der US-Geheimdienst diese handgeschriebene Aktennotiz vom 29. April 2011 von Leon Panetta veröffentlicht. (Foto: CIA) Drei Tage später stürmten 23 Männer der Eliteeinheit der Navy Seals das Haus von bin Laden und töteten den Terrorchef.

Hier der übersetzte Text:

“Habe einen Anruf von Tom Donilon (Berater Nationale Sicherheit) erhalten, indem er mitteilt, dass der Präsident in Bezug auf AC1 (Abbottabad Compound 1) eine Entscheidung getroffen hat. Die Entscheidung ist, mit dem Angriffsplan fortzufahren. Der Zeitpunkt, die operativen Entscheidungen und die Kontrolle liegen ganz in den Händen von Admiral McRaven. Die Genehmigung stützt sich auf das Risiko-Profil, das dem Präsident präsentiert wurde. Alle zusätzlichen Gefahren müssen dem Präsidenten zur erneuten Abwägung vorgetragen werden. Die Anweisung lautet, reinzugehen und bin Laden gefangen zu nehmen

(dann geht es auf der Rückseite weiter)

und ist er nicht dort wieder abzuziehen. Diese Befehle wurden Admiral McRaven um etwa 10:45 Uhr überliefert.”

 

Afghanistan bei Nacht

Geheim-Mission. Treffpunkt Andrews Air Force Base. Nicht später als 22.00 Uhr! Handys, BlackBerrys, iPhones – alles ausstellen! Kein Kontakt zu Redaktion oder Familie! Die Anweisung an die handverlesene Gruppe von Journalisten war eindeutig. Niemand dürfe etwas verraten, niemand etwas melden – absolute Schweigepflicht bis zur Landung in Afghanistan. Für die Sicherheit des Präsidenten müssen auch Nachrichten-Ticker einmal stumm bleiben.

Obamas Geheimmission nach Afghanistan begann in der Nacht zum Dienstag. Und einen Tag vor dem 1. Jahrestag der Tötung des Terror-Paten Osama bin Laden. Es ist genau 0.09 Uhr als Air Force One von Andrews Air Force Base abhebt. 14 Stunden, 41 Minuten inklusive eines geheimen Tankzwischenstopp (vermutlich Ramstein) später landet die Präsidentenmaschine nahe Kabul, auf der US Air Base Bagram. US-Botschafter Ryan Crocker und Lieutnant General Mike Scaparotti, stellvertretender Oberkommandierender der US-Truppen in Afghanistan, begrüßen Obama auf dem Flugfeld. Es ist 22.20 Uhr Ortszeit.

Obama steigt um, in einen bereitstehenden Hubschrauber. Der bringt ihn in der Dunkelheit Afghanistans zum Palast von Präsident Hamid Karzai. Der erste Teil der Geheim-Mission ist gelungen. Obama ist in Afghanistan. Niemand wusste davon. Es ist 23.00 Uhr. Und die mitreisenden Journalisten sind von ihrer Schweigepflicht entbunden. Der Ticker rattert. Breaking News!

Obama ist in Afghanistan um einen Vertrag einer strategischen Partnerschaft mit Afghanistan zu unterzeichen. Nach dem Abzug der US-Truppen 2014 wollen die Amerikaner helfen, dass das Land nicht zurück in einen Bürgerkrieg fällt.

Die Unterzeichnung des Vertrages koppelt Obama mit einer Live-Rede im US-Fernsehen. Zur besten Sendezeit, um 19.30 Uhr in Amerika, spricht der Commander-in-Chief an die Nation – für elf Minuten.

In Afghanistan ist es dann 4.00 morgens. Es wird Obamas früheste Rede.