“Waffen töten nicht”

Es ist immer die gleiche Diskussion. Nach jedem Amoklauf wird in Amerika über die Waffengesetze des Landes gestritten. Müssen sie endlich verschärft werden oder darf man sich von einem Wahnsinnigen nicht das in der Verfassung verankerte Recht auf Waffenbesitz nehmen lassen?

Auch nach dem Massaker von Aurora bei Denver, bei dem der “Batman-Killer” James Holmes (24) vor einer Woche, im Wahn der “Joker” zu sein, in einem Kinosaal 12 Menschen kaltblütig erschoss und 58 Menschen verletzte, gibt es eine hitzige Debatte über die Waffengesetze des Landes.

Holmes kaufte für seinen Amoklauf mehr als 6500 Schuss Munition, zwei Gewehre und eine Pistole. Und das völlig legal. Und im Internet. Er brauchte dafür nur einen Computer und eine Kreditkarte. Der Rest war so einfach wie das Herunterladens eines Songs auf iTunes oder die Bestellung eines Mietwagens. Dass Holmes einen Massenmord plante, ahnte niemand, weil niemand von den Waffenkäufen wusste. Müsste man nicht wenigstens das ändern? Was macht jemand mit 6500 Schuss Munition – auf Büchsen schießen? Wohl kaum.

Mich hatte die Nachricht des Massakers in der vergangenen Woche während eines Camping-Trips mit meinem Sohn (8) zum Grand Canyon in Arizona und zum Bryce Canyon in Utah erreicht – beides Staaten, in denen Waffen zum Alltag gehören. Wilder Westen halt. Auf unserer Fahrt kamen wir an drei offenen Schießständen vorbei, direkt am Highway – Peng-Peng auf dem Rastplatz wie mein Sohn es nannte. Für Europäer unverstellbar, in der Waffen verrückten USA Normalität.

Für Amerika ist und bleibt Waffenbesitz ein Heiligtum. Die Mehrheit lehnt eine Verschärfung der Gesetze ab. Daran ändern auch die bis zu 30.000 Toten und 400.000 Verletzten durch Schusswaffen jedes Jahr nichts. Im Gegenteil: Nach dem Amoklauf in Aurora sind die Waffenverkäufe in den USA sogar deutlich gestiegen. Der Grund ist nicht der Gedanke, sich vor Wahnsinnigen selbst verteidigen zu können, sondern die Angst, dass die Gesetze verschärft werden und in Zukunft der Kauf von Waffen schwieriger sein könnte.

Präsident Obama und sein Herausforderer Mitt Romney haben kein Interesse sich mitten im Wahlkampf in eine Waffen-Diskussion ziehen zu lassen. Die Waffenlobby NRA (4.3 Millionen Mitglieder, Motto: “Guns don’t kill” – Waffen töten nicht) ist zu mächtig und kann über die nächste Präsidentschaft entscheiden. Das wissen Obama und Romney und sind aus Angst vor der einflussreichen NRA in ihren Kommentaren äußerst vorsichtig. Auf ihrer Webseite hat die Gruppe die Tragödie in Aurora übrigens bisher mit keinem Wort erwähnt. Das sagt eigentlich alles über die NRA.

Für Obama und Romney, die beide vor Jahren zumindest die ganz schweren Gewehre verbieten lassen wollten, wäre allein die Andeutung schärfere Gesetze einzuführen heute politischer Selbstmord. “Es ist nicht die Zeit für Politik, sondern für Gebete”, sagte Obama auf die Frage, ob er nach dem Massaker, die Gesetze verschärfen wolle. Wahltaktisch war das die richtige Antwort, doch es war auch bloßes Geschwätz.

Ich habe schon über zahlreiche Tragödien wie die in Aurora berichtet, darunter die Schulschießerei an der Columbine High School (12 Tote, 26 Verletzte) in Littleton bei Denver (Colorado) und an der Uni Virginia Tech (32 Tote) in Blacksburg (Virginia). Jedesmal gab es die Diskussion um schärfere Gesetze. Und jedesmal verstummte die Debatte wieder. Auch diesmal wird das nicht anders sein. Bis zum nächsten Amoklauf.