Paul Ryan – der Kennedy der Konservativen wird Romneys Vize

Lieber Mitt Romney,

jetzt haben Sie mich doch überrascht. Paul Ryan als ihren Running Mate, ihren Kandidat für den Posten des Vize-Präsidenten zu nominieren, hätte ich Ihnen nicht zugetraut. Tim Pawlenty, ja, oder Rob Portman waren meinen Favoriten Tim Pawlenty, ja, oder Rob Portman waren meinen Favoriten. Die Nummer sicher halt, kein Risiko, keine Kontroverse und auf keinem Fall ein zweites Desaster wie mit Sarah Palin.

Paul Ryan dagegen zeigt einen gewissen Mut, den ich von Ihnen nicht erwartet hätte. Oder war es der Druck der Basis, der Tea Party Anhänger, der Konservativen, die wie das Wall Street Journal oder der Weekly Standard lautstark Paul Ryan gefordert hatten? Oder doch die letzten Umfragen, die sie deutlich hinter Obama gesehen haben. Ich vermute beides.

Egal, Paul Ryan also. Wer ist der Konservative, der mit seinen 42 Jahren und seinem jugendlichen Auftreten an einen Kennedy erinnert? Selbst 40 Prozent der Republikaner kennen ihnen nicht. Dabei ist er als Kongressabgeordneter und Chef des Haushaltsausschusses einer der führenden Köpfe Washingtons und eigentlich unüberhörbar. Ryan kommt aus Wisconsin. Er ist Katholik, verheiratet, hat drei Kinder und gilt als Intellektueller und aufsteigender Star bei den Republikanern. Für Schlagzeilen sorgte er 2011 mit einen Budgetplan, den selbst Republikaner wie Newt Gingrich als “Gedankengut eines Rechtsaußen” abgelehnt hatten.

Andere Kommentatoren nannten den Ryan-Plan schlicht “Sozialdarwinismus”. Kern des Vorschlages: Weniger Steuern für Reiche, tiefe Einschnitte in die Sozialausgaben, darunter Kürzung und Teilprivatisierung der Gesundheitsprogramme für arme und älteren Menschen. Diese Stimmen werden Sie, lieber Mitt Romney, jetzt nicht mehr bekommen. Und auch mit den Unabhängigen, die radikale Pläne ablehnen, werden sie Probleme bekommen.

Bei der Wahl des Fitnessfanatikers Ryan, er macht jeden Morgen 90 Minuten Cross-Training, ging es Ihnen, lieber Mitt Romney, in erster Linie um die Aktivierung der Basis der Republikaner, der religiösen Rechte, der stramm Konservativen also und weniger um die politische Mitte des Landes.  Das habe ich schon verstanden. Ob die Rechnung aufgeht, möchte ich bezweifeln.

Das Obama-Team dürfte sich über die Wahl von Ryan freuen. Aber das wussten sie sicherlich. Kaum ein Politiker bietet so viel Angriffsfläche wie er.  Der Mann, der von sich selbst behauptet nur “eine Schwäche zu haben”, nämlich täglich zwei Tassen Kaffee zu trinken (was sie als Mormone ja gar nicht dürfen), wird nicht nur die Republikaner, sondern auch die Basis der Demokraten motivieren.

Lieber Mitt Romney, ich freue mich über Ihre Entscheidung von Paul Ryan. Endlich mal was Überraschendes. Ihr Wahlkampf bekommt ein wenig Farbe. Es war auch höchste Zeit. Paul Ryan war eine gute Wahl – für Sie.

Und ihren Versprecher Ryan als “the next President of the United States” vorzustellen (wie konnte das nur wieder passieren?) werden die Wähler schnell wieder vergessen. Nur keine Sorge!