Der Gipfel der Pragmatiker

„Sie werden einfach nicht warm miteinander“ – so formulierte mir gegenüber ein Sprecher von Barack Obama im Vertrauen das Verhältnis des US-Präsidenten zu Bundeskanzlerin Angela Merkel. Das war im Juni 2009 und die beiden Regierungschefs hatten sich gerade zum ersten Mal in Deutschland, in Dresden, getroffen.

Der Grund für das damals unterkühlte Verhältnis war Merkels Verbot für Obama während seines Wahlkampfes 2008 mit einer Rede vor dem Brandenburger Tor seinen Landleuten daheim außenpolitische Größe zu demonstrieren. Die Ablehnung hat Obama Merkel lange, vielleicht bis heute, nicht verziehen. Der US-Präsident gilt als nachtragend.

Obama und Merkel respektieren sich, doch enge Freunde sind sie nicht

Fast genau drei Jahre nach Dresden bekommt der durch den aktuellen Abhörskandal angeschlagene Obama (seine Umfragewerte sind um acht Prozent auf 45 Prozent gesunken) jetzt doch noch seinen Auftritt vor dem Brandenburger Tor – zehn Tage vor dem 50. Jahrestag der Rede von John F. Kennedy, „Ich bin ein Berliner“, vor dem Schöneberger Rathaus. Das Verhältnis zu Merkel wird diese Geste und die mit Spannung erwartete Ansprache jedoch wenig verbessern können.

Obama und Merkel respektieren sich. Sie brauchen einander vor allem wirtschaftlich. Doch enge Freunde sind sie bis heute nicht geworden. Die persönliche Beziehung bleibt unterkühlt und alles andere als locker. Vielleicht kann Bundespräsident Joachim Gauck das Eis zwischen Präsident und Kanzlerin ein wenig schmelzen – Obama mag Lebensgeschichten wie die von Gauck.

Die wichtigen Entscheidungen jedoch werden diese Woche nicht in Berlin gefällt werden, sondern zuvor auf dem G8-Gipfel in Nordirland. Bei dem Top-Thema, den Bürgerkrieg und das Menschenschlachten in Syrien zu beenden, setzt Obama ohnehin mehr auf seinen engsten Verbündeten in Europa, den britischen Premier James Cameron. Deutschland braucht er dagegen vor allem bei Wirtschaftsfragen.

Obama und Merkel sind Pragmatiker – sie brauchen einander

Für Obama spielt Deutschland auch im Vergleich zu Asien eine eher untergeordnete Rolle, auch wenn er viele Dinge wie das Gesundheitswesen, die Umwelt- und Solartechnologie sowie die gute Infrastruktur mit den schnellen ICE-Zügen immer wieder lobt. Das Land der Dichter und Denker hat für Obama vor allem einen wirtschaftlichen Nutzwert. Deutschland ist ein wichtiger Absatzmarkt für eine immer noch auf schwachen Beinen stehende US-Ökonomie. Deshalb drängt der Präsident auch auf eine nordatlantische Freihandelszone zwischen den USA und Europa. Dafür braucht er Merkel  als Verbündete und Antreiberin.

Doch politisch ist Deutschland für Amerika nicht der Nabel der Welt. Dass Obama bis heute keinem deutschem Medium ein Interview gewährt hat, ist dafür ein Indiz! Bei den jüngsten weltpolitischen Krisen wie Libyen, Nordkorea oder aktuell Syrien setzt der US-Präsident auf andere Partner. Und die sitzen in Europa zumindest nicht in Berlin, sondern in London und Paris.

Obama und Merkel – das Verhältnis der beiden wird auch nach dem lange überfälligem 1. Staatsbesuch nach fünf Jahren (!) Obama-Regentschaft keine Liebesbeziehung werden. Dafür sind die beiden charakterlich und in ihrem Führungsstil einfach nicht kompatibel. Es wäre schön, wenn das Verhältnis besser, persönlicher wäre, doch eine große Tragödie ist die Distanz am Ende dann auch nicht. Merkel und Obama sind Pragmatiker und haben eine Ebene gefunden, auf der sie gut miteinander arbeiten können. Und das ist das Wichtigste.