Obama-Rede: Historisch geht anders

Lag es an der Hitze? An den hohen Erwartungen? An der unglücklich sich spiegelnden, kugelsicheren Glasscheibe hinter der Obama sprach? Oder am vollgepackten 25 Stunden-Besuchsprogramm in Berlin? Nein, das war keine große Rede von US-Präsident Barack Obama. Und historisch war sie auch nicht. Das war nur der Ort der Ansprache, die Ostseite des Brandenburger Tors.

Hier, hinter der alten Mauer, dem Symbol des Eisernen Vorhangs, die nicht nur Berlin, sondern Deutschland und die Welt teilte, hatte noch kein amerikanischer Präsident zuvor gesprochen. John F. Kennedy bekannte sich als „Berliner“ vor dem Schöneberger Rathaus und Ronald Reagan forderte von der anderen, der demokratischen Westseite Berlins, die Mauer einzureißen.

Obamas Rede als weltpolitischer Rundumschlag

Obama hatte also das Privileg auf der Seite der ehemaligen DDR zu sprechen und nutzte es zu einem weltpolitischen Rundumschlag: Mehr Freiheit und Gerechtigkeit forderte er und weniger Atomwaffen; mehr Chancengleichheit für Frauen und Minderheiten, weniger Jugendarbeitslosigkeit; Frieden in Afghanistan und zwischen Israel und Palästina; Schließung von Guantanamo; mehr grüne Energie und weniger schädliche Autoabgase; weniger Armut, weniger Aids, weniger Krieg, aber mehr Sicherheit für die Welt und ihre Bürger.

Forderungen, die jeder wohl sofort unterschreiben würde. Nur wie Obama, der sich in Berlin auch für sein Schnüffelprogramm rechtfertigen musste, diese Wunschvorstellungen in seinen verbleibenden dreieinhalb Amtsjahren realisieren will, blieb sein Geheimnis. In Berlin hatte der US-Präsident die Möglichkeit in einer Rede von einer besseren Welt zu träumen, in Washington hat er das eher nicht. Zuhause quält und streitet sich Obama mit dem Kongress – Visionen stehen hier nicht auf der Tagesordnung.

Selbst sein wichtigster und lobenswerter Vorschlag die Zahl der Atomwaffen um ein Drittel zu reduzieren, ist ein Traum und nicht wirklich neu. Schon vor vier Jahren bei einer Rede in Prag orakelte der Commander-in-Chief von einer Welt ohne Atomwaffen. Diesem Ziel ist Obama kaum näher gekommen.

Obama will eine bessere Welt – das ist lobenswert

Dass das Überleben der Welt immer noch durch ein gigantisches Atomwaffen-Arsenal bedroht ist,  liegt vor allem an den Falken in Washington und an dem russischen Präsidenten Vladimir Putin. Aber auch an Obama. Denn ein konkretes Gesprächsangebot für eine weitere Reduzierung der Nuklearwaffen an den starken Mann in Moskau gibt es nicht. Auf dem G8-Gipfel in Nordirland vor zwei Tagen hätte Obama dazu jedoch Gelegenheit gehabt.

Was der Rede von Obama aber am meisten fehlte, war die Faszination, mit der er 2008 als Wahlkämpfer noch Hunderttausende vor der Siegessäule begeisterte. Damals feierten ihn die Berliner als Heilsbringer mit Visionen für eine bessere Welt. Heute ist Obama als Präsident in Berlin aufgetreten – die bessere Welt will er immer noch. Das allerdings ist lobenswert.