Realität und Wunschdenken, Teil 2

Mitt Romney hat wirklich an den Wahlsieg geglaubt!

Video aus dem Wahlkampf-Flugzeug von Mitt Romney auf dem Weg nach Boston: „Ich habe meine Siegesrede bereits geschrieben, sie ist um die 1100 Wörter lang.“ Wenige Stunden später wurde Romney unsanft und völlig unvorbereitet aus den Träumen gerissen und von der brutalen Wirklichkeit eingeholt.

Die Niederlage traf Romney, dessen Familie und Team wie ein Blitzeinschlag. Am Abend zuvor hatten sie noch ein internes Papier lanciert, das Romney als Sieger in Ohio und in Pennsylvania ein Kopf-an-Kopf-Rennen vorhersagte. Sie lagen total falsch!

Romney hatte für die Wahlnacht bereits Raketen und Böller für ein acht Minuten langes Feuerwerk (Kosten 25.000 Dollar) im Hafen von Boston aufstellen lassen. Irgendwann zwischen 19.00 und 0.30 Uhr sollte das Spektakel beginnen.

Selbst am Wahlabend hatte das Team Romney lange die Hoffnung, dass Pennsylvania bis in die späte Nacht ein enges Rennen und Ohio frühzeitig an ihn gehen würde. Und das obwohl die ersten Exit Polls eher eine Niederlage vorhersagten. Selbst als ein Swing State nacheinander an Obama ging, träumte man weiter vom Wahlsieg. Karl Rove, der Architekt des Erfolges von George W. Bush, gab ihnen Hoffnung. Er faselte auf Fox News noch immer von einem Romney-Sieg in Ohio. „Das Hirn“ lag total falsch!

Erst als Colorado verloren ging und Florida zu Obama tendierte, musste sich auch Romney die Niederlage eingestehen. „Es ist vorbei“, soll ein fassungsloser Herausforderer gesagt haben.

Romney schien im Angesicht der schweren Niederlage „völlig verstört und zutiefst erschüttert“, berichtet der TV-Sender CBS. Romneys Frau Ann, die später bei der Rede ihres Mannes sichtlich angeschlagen aussah, soll die ganze Zeit „heftig geweint“ haben. Und auch Running Mate Paul Ryan, der trotz der Niederlage seinen Kongress-Sitz verteidigen konnte, war „geschockt“. Dessen Frau Janna habe „leise vor sich hingeweint“.

Präsident Obama: Der mächtigste Mann der Welt mit Tränen in den Augen

Tränen gab es auch beim wiedergewählten Präsidenten Barack Obama. Bevor er am Mittwoch ins White House zurückkehrte, bedankte er sich persönlich bei seinem engsten Team in der Wahlkampfzentrale in Chicago.

„Ich bin stolz auf euch“, sagte Obama. „Was ihr erreicht habt, wird in die Annalen der Geschichte eingehen.“ Als seine Helfer applaudierten, konnte auch der mächtigste Mann der Welt seine Tränen nicht mehr zurückhalten.

US-Wahlen: Das Kreuz mit den Umfragen

Wenigstens bei den Farben sind sie sich einig – blau und hellblau für Obama, rot und hellrot für Romney sowie gelb für Swing States und „noch nicht entschieden“. Doch ansonsten scheint die Huffington Post und Karl Rove bei ihren Umfragen unterschiedliche Wählergruppen zu befragen. Oder?

Wie sonst sind die gravierenden Unterschiede der beiden Polls zu erklären. Oder hat es etwa mit der politischen Richtung der beiden Internetportale zu tun? Die HuffPo eher links, Karl Rove ganz sicher rechts! Sind Umfragen nicht wissenschaftlich durchgeführte Befragungen? Oder interviewt Rove ganz gezielt nur oder zumindest mehrheitlich Konservative und die HuffPo nur Liberale und Linke?

Wahl-Umfragen als Stimmungmache

Schauen wir uns einmal die beiden Umfragen an. Nach der HuffPo darf sich Obama mit 332 Wahlmännerstimmen (270 sind nur für den Sieg nötig) auf einen Erdrutschsieg freuen. Romney mit bescheidenen 191 Stimmen wird dagegen eine der schwersten Niederlagen in der Geschichte der Republikaner erleiden. Swing States findet man bei der HuffPo kaum noch, einzig North Carolina ist übrig geblieben.

Erdrutschsieg für Präsident Obama (332 Wahlmänner aus den blauen und hellblauen Staaten) und eine schwere Niederlage für Mitt Romney (191 Stimmen aus den roten und hellroten Staaten)? So sieht die Huffington Post den aktuellen Stand bei den Umfragen. Nur noch North Carolina (gelb) ist ein Swing States. (Screenshot Huffington Post, Stand 27.09.12)

Ganz anders dagegen Karl Rove, einst George W. Bushs Wahlkampf-Manager und ein Genie in Sachen Umfragen. Hat er seine einstige Begabung, Wahlen halbwegs korrekt vorherzusagen noch oder sind seine Ergebnisse nur so rot eingefärbt, um die Hoffnung für Romney hochzuhalten?

Der Wahlausgang ist noch völlig offen? Karl Rove glaubt laut seinen Umfragen noch an acht Swing States mit 100 Wahlmänner-Stimmen (gelb), die Mitt Romney gewinnen kann. Damit könnte er Präsident Obama doch noch schlagen. Wunschdenken eines Konservativen oder die Genialität eines erfolgreichen Ex-Wahlkampf-Managers? (Foto: www.rove.com, Stand 27.09.12)

Dabei hatte Rove vor ein paar Monaten für Romney noch ein ziemlich düsteres Bild gemalt. Das scheint sich geändert zu haben, obwohl selbst ein Rove eingestehen muss, dass Romney deutlich zurückliegt. Doch „Bushs Hirn“ macht auf positiv und hofft noch auf insgesamt acht Swing States.

Roves Kommentar zu seiner aktuellen Wahlmänner-Karte: „Sieben Staaten haben sich in der vergangenen Woche verändert, vier in die Richtung von Romney aber nur drei zu Obama. Obama hat nur noch 196 sichere Wahlmänner mit vier Staaten (51 Stimmen), die zu Obama tendieren. Romney hat seine sicheren Stimmen auf 159 erhöht und hat 32 Stimmen, die wahrscheinlich zu ihm gehen werden.“

Wie gesagt, Rove macht in Optimismus. Rechnet man die Stimmen der sicheren und eigentlich sicheren aber einmal zusammen (Obama 247, Romney 191) sieht es auch bei Karl Rove eher düster für den Herausforderer aus. Obama fehlen nur noch 23 Stimmen (Florida würde zum Sieg reichen) Rommey dagegen 79. Der Republikaner müsste schon die Karte der Swing States fast komplett abräumen. Aber ist das zu erwarten?

Schlechte Karte(n) für Romney

Karl Roves „Electoral College“ Analyse: „Bushs-Hirn“ sieht seinen Kandidaten, den Republikaner Mitt Romney, im Moment deutlich abgeschlagen hinter Präsident Barack Obama

Noch 150 Tage bis zur Präsidentschafts-Wahl im November. Und eigentlich kann sich Präsident Obama trotz der für ihn politisch katastrophalen vergangenen Woche erst einmal entspannen. In den Umfragen führt er in der Wählergruppe der Unabhängigen, der Frauen, der Latinos und der Afro-Amerikaner. Und auch als Spendensammler ist er trotz der „Niederlage“ im Mai gegen Romney mit insgesamt 196 Millionen Dollar in den ersten drei Monaten 2012 gegenüber Romneys 87 Millionen Dollar absolute Spitze.

Obama ist auf dem Weg zu seiner Wiederwahl. Das untermauern auch alle wichtigen Prognosen der „Electoral College“, also der Wahlmänner aus den einzelnen Bundesstaaten. Und nur die zählen am Ende! Hier liegt der Amtsinhaber deutlich vor seinem Herausforderer Mitt Romney.

So rechnet die Huffington Post solide 270 Wahlmänner-Stimmen (genauso viel braucht Obama, um Präsident zu bleiben) aus den 50 US-Bundesstaaten. Selbst eine Niederlage in den Swing States Ohio und Florida würde danach am Obama-Sieg nichts ändern. Und auch CNN tendiert eindeutig zu Obama und sieht das Rennen aktuell bei 247 (Obama) zu 206 (Romney). Ein Sieg von Obama in Florida würde bei CNN zum Sieg reichen oder Ohio und Virginia.

Wirklich bedenklich für Romney sind aber die Ergebnisse von Karl Rove, besser bekannt als das „Gehirn von George W. Bush“ oder als „Architekt“ der beiden Bush-Siege. Rove, wahrlich kein Liberaler oder gar Linker, zeichnet ein düsteres Bild für den republikanischen Herausforderer Romney.

Laut Roves „Electoral College“ Karte könnte Obama eigentlich schon die Champagner-Flaschen kalt stellen – Mitt Romney scheint hoffnungslos abgeschlagen. Nach der Rove-Analyse dürfte sich Obama sogar eine Niederlage in den beiden größten der sieben Swing States, Florida und Ohio leisten, wenn er die Staaten gewinnt, die zu Obama tendieren, plus Colorado.

Auch wenn 150 Tage im Wahlkampf eine Ewigkeit sind. Ich bleibe dabei: Mitt Romney kann die Wahlen nicht gewinnen, Obama kann sie nur verlieren.